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Antisemitismus: ein
praktischer Leitfaden
Uri Avnery, 17.1.04
Ein ungarischer Witz: während des
Junikrieges 1967 traf ein Ungar seinen Freund. „Warum siehst du so
glücklich aus?“ fragte er. „Ich hörte, dass die Israelis heute sechs in
Sowjetrussland hergestellte MiGs abgeschossen haben,“ erwiderte sein
Freund.
Am nächsten Tag sah sein Freund
sogar noch fröhlicher drein. „Die Israelis brachten heute weitere acht
MiGs zum Absturz,“ verkündigte er.
Am dritten Tag aber ist sein
Freund niedergeschlagen. „Was ist los? Haben die Israelis heute keine MiGs
heruntergeholt?“ fragte der Mann. „Doch sie haben,“ antwortete der Freund.
„Aber heute sagte mir jemand, dass die Israelis Juden sind!“
Das ist die ganze Geschichte in
einer Nussschale.
Die Antisemiten hassen die Juden,
weil sie Juden sind, ganz unabhängig von dem, was sie tun. Juden können
gehasst werden, weil sie reich sind und damit prahlen oder weil sie arm
sind und im Schmutz leben. Weil sie eine große Rolle in der
bolschewistischen Revolution spielten oder weil einige nach dem Kollaps
des kommunistischen Regimes unglaublich reich geworden sind. Weil sie
Jesus gekreuzigt haben oder weil sie die westliche Kultur mit der
„christlichen Mitleidsmoral“ angesteckt haben. Weil sie kein Vaterland
haben oder weil sie den Staat Israel geschaffen haben.
Das steckt in der Natur aller
Arten von Rassismus und Chauvinismus. Man hasst jemanden, weil er ein
Jude, ein Araber, eine Frau, ein Schwarzer, ein Inder, ein Muslim, ein
Hindu ist. Was der oder die einzelne an persönlichen Eigenschaften hat,
was er oder sie tut, was er oder sie leistet, ist unwichtig. Wenn er oder
sie zu einer verhassten Rasse, Religion oder dem weiblichen Geschlecht
gehört, wird er oder sie gehasst werden.
Die Antworten auf all die Fragen,
die mit Antisemitismus zusammenhängen, folgen dieser Grundtatsache. Zum
Beispiel:
Ist jeder, der Israel
kritisiert, ein Antisemit?
Absolut nicht. Jemand der Israel
wegen gewisser Akte kritisiert, kann deswegen nicht des Antisemitismus
verklagt werden. Aber jemand der Israel hasst, weil es ein jüdischer Staat
ist – so wie der Ungar im oben erzählten Witz - ist ein Antisemit. Es ist
nicht immer einfach zwischen diesen beiden Arten zu unterscheiden, weil
schlaue Antisemiten vorgeben, bona fide Kritik an Israels Aktionen zu
üben. Aber jede Kritik an Israel als Antisemitismus hinzustellen, ist
falsch und kontraproduktiv. Es schadet dem Kampf gegen Antisemitismus.
Viele Personen mit hohem
sittlichen Ernst - die positive Auslese der Menschheit - kritisieren unser
Verhalten in den besetzten Gebieten. Es ist dumm, sie des Antisemitismus’
zu verklagen.
Kann jemand ein Anti-Zionist
sein, ohne ein Antisemit zu sein?
Absolut ja. Zionismus ist eine
politische Ideologie und muss wie jede andere behandelt werden. Man kann
ein Anti-Kommunist sein, ohne anti-chinesisch, ein Anti-Kapitalist sein
ohne ein Anti-Amerikaner zu sein, ein Antiglobalist, ein Anti- irgendetwas
sein ...Doch wieder ist es nicht einfach, eine klare Linie zu ziehen, weil
wirkliche Antisemiten behaupten, nur Antizionisten zu sein. Man sollte
ihnen nicht helfen, den Unterschied zu verwischen.
Kann jemand ein Antisemit und
gleichzeitig pro-zionistisch sein?
Tatsächlich ja. Der Gründer des
modernen Zionismus, Theodor Herzl, versuchte schon, die Unterstützung von
bekannten russischen Antisemiten zu gewinnen, indem er ihnen versprach,
die Juden aus ihrer Gesellschaft zu holen. Vor dem 2.Weltkrieg hat die
zionistische Untergrundorganisation IZL (Irgun ) unter der Aufsicht
antisemitischer Generäle ( die auch die Juden los sein wollten)
militärische Trainingslager in Polen eingerichtet. Heute empfängt die
zionistische extreme Rechte ungeheure Unterstützung von den amerikanischen
fundamentalistisch eingestellten Christen, die von der Mehrheit der
amerikanischen Juden – nach einer in dieser Woche veröffentlichten Umfrage
- zu tiefst als antisemitisch betrachtet werden. Ihre Theologie geht davon
aus, dass am Vorabend der Wiederkunft Christi alle Juden zum Christentum
konvertieren müssen oder sie ausgerottet würden.
Kann ein Jude antisemitisch
sein?
Das klingt wie ein Oxymoron – ein
Widerspruch in sich selbst. Aber die Geschichte kennt einige Beispiele von
Juden, die zu wilden Judenhassern geworden waren. Der spanische
Großinquisitor Torquemada war ursprünglich Jude. Karl Marx schrieb ein
paar garstige Dinge über Juden, wie auch Otto Weininger, ein bedeutender
jüdischer Schriftsteller am Ende des 19. Jahrhunderts. Auch Herzl, sein
Zeitgenosse und Wiener Landsmann, schrieb in seinen Tagebüchern einige
sehr wenig schmeichelhafte Bemerkungen über Juden.
Wenn jemand Israel mehr
kritisiert als andere Länder, die dasselbe tun, ist er dann ein Antisemit?
Nicht unbedingt. Es stimmt, es
sollte für alle Länder und Menschen ein und derselbe moralische Maßstab
gelten. Die russischen Aktionen in Tschetschenien sind nicht besser als
unsere in Nablus, vielleicht sogar schlimmer. Das Problem ist, dass Juden
als „das Volk der Opfer“ dargestellt wird, und es sich selbst als solches
darstellt und (tatsächlich) ein „Volk der Opfer“ war. Deshalb ist die Welt
schockiert, dass die Opfer von gestern die Täter von heute sind. An uns
wird ein höherer moralischer Maßstab gelegt als an andere Völker. Und das
ist so ganz in Ordnung.
Ist Europa wieder antisemitisch
geworden?
Nicht wirklich. Die Zahl der
Antisemiten in Europa ist nicht gewachsen, ja, sie ist eher zurück
gegangen. Was gewachsen ist, ist das Maß der Kritik an Israels Verhalten
gegenüber den Palästinensern, die nun als die „Opfer der Opfer“
erscheinen.
Die Situation in einigen Vororten
von Paris, die oft als Beispiel für wachsenden Antisemitismus genannt
wird, ist aber eine ganz andere Sache. Wenn nordafrikanische Muslime auf
nordafrikanische Juden treffen, dann übertragen sie den
israelisch-palästinensischen Konflikt auf europäischen Boden. Es ist auch
eine Fortsetzung der Fehde zwischen Arabern und Juden, die in Algerien
begann, als Juden das französische Regime unterstützten und die Muslime
sie als Kollaborateure der verhassten Kolonialherren betrachteten.
Warum hat dann die Mehrheit in
den europäischen Staaten bei einer vor kurzer Zeit ausgeführten Umfrage
ausgesagt, dass Israel für den Weltfrieden eine größere Gefahr als andere
Staaten darstellt?
Da gibt es eine einfache
Erklärung. Die Europäer sehen in ihren Fernsehprogrammen jeden Tag, was
unsere Soldaten in den besetzten palästinensischen Gebieten tun. Von
dieser Konfrontation wird mehr als von jedem anderen Konflikt auf Erden (
mit Ausnahme des augenblicklichen Konfliktes im Irak) berichtet, weil
Israel „interessanter“ ist auf Grund der langen Geschichte der Juden in
Europa und weil Israel den westlichen Medien näher steht als die
muslimischen und afrikanischen Länder. Der palästinensische Widerstand,
den Israel „Terrorismus“ nennt, scheint für viele Europäer dem
französischen Widerstand unter deutscher Besatzung zu ähneln.
Und wie ist es mit der
antisemitischen Manifestation in der arabischen Welt?
Zweifellos sind typisch
antisemitische Anzeichen in letzter Zeit in den arabischen Diskurs
geraten. Es genügt zu erwähnen, dass die berüchtigten „Protokolle der
Weisen von Zion“ auf arabisch veröffentlicht wurden. Das ist ein typisch
europäischer Import. Die Protokolle wurden von der Geheimpolizei des
zaristischen Russlands erfunden.
Was immer für Unsinnigkeiten von
gewissen „Experten“ ausgesprochen werden, so gab es nie einen weit
verbreiteten muslimischen Antisemitismus, wie er im christlichen Europa
existiert hat. Während seines Machtkampfes hat der Prophet Muhammad auch
gegen benachbarte jüdische Stämme gekämpft. So kamen ein paar negative
Passagen über Juden in den Koran. Dies kann aber nicht mit den
antijüdischen Passagen der neutestamentlichen Geschichte über die
Kreuzigung Christi verglichen werden, die die christliche Welt vergiftet
und unendliches Leid verursacht haben. Das muslimische Spanien war für die
Juden ein Paradies, und niemals gab es in der muslimischen Welt einen
jüdischen Holocaust. Selbst Pogrome waren äußerst selten.
Mohammad verfügte, dass die
„Völker des Buches“ (Juden und Christen) tolerant behandelt werden
sollten; sie wurden zwar Bedingungen unterworfen, die aber unvergleichlich
liberaler waren als im Europa der damaligen Zeit. Die Muslime haben ihre
Religion nie mit Gewalt Juden und Christen aufgezwungen, was allein die
Tatsache belegt, dass fast alle aus dem katholischen Spanien vertriebenen
Juden sich in muslimischen Ländern ansiedelten und dort wohl fühlten. Nach
Jahrhunderte langer muslimischer Herrschaft sind Griechen und Serben
durchaus Christen geblieben.
Wenn Frieden zwischen Israel und
der arabischen Welt zustande gebracht wird, werden wahrscheinlich (und
hoffentlich ) die giftigen Früchte des Antisemitismus aus der arabischen
Welt zum größten Teil verschwinden ( so wie die giftigen Früchte des
Araberhasses in unserer Gesellschaft).
Sind die Äußerungen des
Ministerpräsidenten von Malaysia, Mahathir bin Muhammad, über die jüdische
Weltkontrolle antisemitisch?
Ja und nein. Sicherlich
illustrieren sie die Schwierigkeit, den Antisemitismus festzunageln.
Von einem sachlichen Standpunkt
aus hatte der Mann recht, wenn er behauptet, die Juden hätten einen weit
größeren Einfluss als ihr prozentualer Anteil an der Weltbevölkerung dies
allein berechtigen würde. Es stimmt, dass die Juden einen großen Einfluss
sowohl auf die Politik der Vereinigten Staaten, der einzigen Supermacht,
als auch auf die amerikanischen und internationalen Medien ausüben. Man
braucht nicht die gefälschten „Protokolle“, um sich diesen Fakten zu
stellen und seine Ursachen zu analysieren. Aber der Ton macht die Musik,
und Mahathirs Musik klang tatsächlich antisemitisch.
Sollten wir also den
Antisemitismus ignorieren?
Ganz sicher nicht. Rassismus ist
eine Art Virus, der in jeder Nation und in jedem menschlichen Wesen
existiert. Jean-Paul Sartre sagte, wir seien alle Rassisten. Der
Unterschied liegt nur darin, dass einige von uns dessen bewusst sind und
dagegen ankämpfen, während andere diesem Übel erliegen. In normalen Zeiten
gibt es eine kleine Minorität eklatanter Rassisten in jedem Land; aber in
Zeiten der Krise kann ihre Zahl plötzlich katastrophal wachsen. Das ist
eine ständige Gefahr, und jedes Volk muss gegen die Rassisten in seiner
Mitte kämpfen.
Wir Israelis sind wie alle anderen
Völker. Jeder von uns kann in sich einen kleinen Rassisten entdecken, wenn
er ernsthaft genug danach sucht. Wir haben in unserem Land fanatische
Araberhasser, und die historische Konfrontation, die unser Leben
beherrscht, lässt ihre Macht und ihren Einfluss noch mehr wachsen. Es ist
unsere Pflicht, sie zu bekämpfen. Wir sollten es den Europäern und den
Arabern aber selbst überlassen, sich mit ihren eigenen Rassisten zu
befassen.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
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