Arn Strohmeyer
Ultraorthodoxe Juden haben sich Anfang
Januar in Jerusalem Judensterne an die Brust geheftet,
einige traten sogar in gestreifter KZ-Str?lingskleidung
auf, um mit solchen NS-Symbolen gegen die Regierung von
Ministerpr?ident Benjamin Netanjahu zu demonstrieren.
Die Ultras behaupten, die Politik dieser Regierung sei
?judenfeindlich?, ja komme der Judenverfolgung im
?Dritten Reich? gleich. Hintergrund der Proteste ist der
Versuch der Ultraorthodoxen, in Bussen, Parks,
Superm?kten und auf Gehsteigen die Trennung der
Geschlechter durchzusetzen, was nat?lich selbst die
rechte Netanjahu-Regierung unter keinen Umst?den
zulassen kann, denn sie muss f? Gleichberechtigung in
der Gesellschaft sorgen. Sie glaubt nun, das Problem mit
einem Gesetz in den Griff zu bekommen: Alle Anspielungen
und Beschimpfungen, die einen Bezug auf das NS-Zeit
haben, sollen genauso untersagt werden wie das Tragen
von Nazi-Symbolen.
Man kann f? Letzteres noch volles
Verst?dnis haben, aber mit den ??rungen und
Vergleichen zur Nazi-Zeit ist es (einmal abgesehen von
der m?lichen Einschr?kung der Meinungsfreiheit) so
eine Sache, denn die sind in Israel so ?lich wie Regen
und Sonnenschein. Man k?nte ganze B?her mit Zitaten
solcher ??rungen vor allem von prominenten Politikern
f?len, die ja immer als Beschimpfung und Verunglimpfung
des politischen Gegners oder vermeintlicher Feinde
gedacht sind. Und damit soll jetzt Schluss sein? Das ist
nur schwer vorstellbar. Die politische Klasse w?de sich
damit selbst an die rhetorische Kette legen. Es gibt in
Israel offenbar eine Besessenheit, Alles und Jedes mit
dem Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen, und
damit die Realit? v?lig aus den Augen zu verlieren.
Politisch ist das ??rst gef?rlich.
Solche ??rungen kommen seit jeher von
allen politischen Seiten - je nach politischem
Bed?fnis. Sie sind deshalb kaum in ein System zu
bringen und dr?ken offenbar nur eins aus: eine zum Teil
wenigstens verst?dliche traumatische Besessenheit von
der Vergangenheit. Andererseits stecken hinter solchen
??rungen aber massive manipulative propagandistische
politische Absichten. Dem israelischen Historiker Moshe
Zimmermann zufolge sollen sie Angst erzeugen. Denn
Angst, existentielle Angst sei zur politischen
Richtlinie, zur psychologischen Grundhaltung, zum
Automatismus, zur ultimativen Ausrede, zum Alibi einer
ganzen Gesellschaft geworden. Zimmermann weist auch auf
die Gefahren einer solchen Haltung hin: Die Angst um die
Existenz sei quasi zur Brille geworden, durch die die
Ereignisse und Str?ungen in der Region gesehen w?den,
und zwar ohne R?ksicht auf Fakten und Entwicklungen,
die diese Sichtweise ver?dern k?nten. Die Folge sei -
so Zimmermann - , dass die Angst vor dem Frieden gr?er
sei als die Angst vor dem Krieg. Das Misstrauen richte
sich gegen alle Nicht-J?ische.
Hier eine kleine Auswahl von unendlich
vielen NS-??rungen israelischer Politiker. Schon der
erste Ministerpr?ident Israels, David Ben Gurion,
f?rte sehr oft Nazi-Vergleiche an. Der ?yptische
Staatschef Nasser war f? ihn ein ?neuer Hitler? und die
Pal?tinenser, von denen seine Politik ?er 700 000
Menschen (die H?fte des pal?tinensischen Volkes!)
au?r Landes ins Exil vertrieben hatte, sah er als
?hoffende Vollstrecker? von Hitlers Pl?en an, die Juden
auszurotten. Der F?rer der terroristischen
Untergrundorganisation Irgun und sp?ere
Ministerpr?ident Menachem Begin setzte diese Tradition
fort. Pal?tinenser waren f? ihn ?Tiere auf zwei
Beinen?, was dem NS-Begriff des ?Untermenschen?
entspricht. Die Nationalcharta der PLO verglich er mit
Hitlers ?Mein Kampf? und den PLO-Chef Arafat titulierte
er immer wieder als neuen Hitler. Den Einmarsch der
Israelis 1982 im Libanon verstand er als ?historischen
Ausgleich?, so als w?e eine j?ische Einheit in das
Warschauer Ghetto einmarschiert. Beim Angriff auf
Arafats Hauptquartier im belagerten Beirut habe er sich
gef?lt, so gestand er, als h?te er die israelische
Armee nach Berlin geschickt, um Hitler in seinem Bunker
umzubringen. Sp?er tat es ihm Sharon gleich. Auch er
verglich Arafat mit Hitler und die PLO mit dem ?Dritten
Reich?. Der Politiker Efi Eitam blies ins selbe Horn,
wenn er meinte: ?Arafat ist ein M?der. Worin liegt der
Unterschied zu Eichmann??
Die ??rungen, die den Holocaust - den
Grundpfeiler der s?ularen Religion Israels - politisch
instrumentalisieren und ihn auch zur Rechtfertigung f?
Israels Kriege und die Besetzung der pal?tinensischen
Gebiete anf?ren, sind Legion. Die Grenzen von vor 1967
wurden von vielen israelischen Politikern als die
?Auschwitz-Grenze? bezeichnet. Immer wieder werden die
Araber bzw. die Pal?tinenser beschuldigt, einen ?neuen
Holocaust? zu planen - neuerdings wird diese Absicht dem
?Schurkenstaat? Iran unterschoben. Einige Israelis gehen
so weit zu behaupten, dass das Schicksal, dass sie durch
die Pal?tinenser erleiden (!), dem j?ischen Schicksal
in Auschwitz gleiche.
Besonders den Siedlern in den besetzten
Gebieten gehen Nazi-Vergleiche besonders schnell von den
Lippen. Als Ariel Sharon 2005 den Abzug aus dem
Gazastreifen anordnete, war er pl?zlich selbst der b?e
Nazi. Die Siedler verglichen ihre friedliche Evakuierung
aus einem Gebiet, das ihnen nicht geh?te, mit der
Deportation der Juden in der NS-Zeit. Sie bezeichneten
Sharons Anordnung als ?Verbrechen gegen die Menschheit?
und setzten ihn mit den Spitzen des NS-Systems gleich.
Dem fr?eren Ministerpr?identen Jitzhak Rabin hatten
sie schon fr?er vorgeworfen, er stehe einer Regierung
vor, die Jud? und Samaria (die israelische Bezeichnung
f? das besetzte Westjordanland) ?judenrein? machen
wolle, wie Hitler es in Europa gemacht habe. Immer
wieder drohten sie, sollte die R?mung der Siedlungen
dort angeordnet werden, w?den sie wie die ?Russen in
Stalingrad k?pfen?. In Hebron werden die dort wohnenden
Pal?tinenser von den Siedlern permanent als ?Nazis?
beschimpft und an den Mauern der Stadt finden sich
?erall Graffiti, die fordern: ?Araber ins Gas!?
V?lig aus dem Rahmen fiel der
Likud-Politiker Moshe Feiglin, der sich 1995 ??rst
positiv ?er Hitler ??rte und damit im gerade
stattfindenden Wahlkampf seine Partei in arge
Verlegenheit brachte. Er bezeichnete Hitler in der
Zeitung ?Haaretz? als ?unerreichtes Genie?. Der F?rer
habe gute Musik gesch?zt und habe gemalt - f? Feiglin
wohl ein Beleg daf?, dass dieser Mann auch Kultur
gehabt habe. Feiglin folgerte: ?Das war keine
Schl?erbande, die haben Schl?er und Homosexuelle
lediglich benutzt.? Feiglin weiter: Der
Nationalsozialismus habe Deutschland aus einer
Niederlage hin zu einem phantastischen physischen und
ideologischen Status bef?dert. Deutschland seien durch
das Hitler-Regime eine exemplarische F?rung , ein
anst?diges Justizsystem und ?fentliche Ordnung zuteil
geworden. Zu solchen ??rungen passt die Forderung
eines hohen israelischen Offiziers im Jahr 2002, die
Methoden, mit denen die Wehrmacht im Warschauer Ghetto
vorging, zu analysieren und sich anzueignen. Man k?ne
diese Methoden dann nutzen, um den pal?tinensischen
Widerstand zu brechen (Haaretz 25.1.2002).
NS-Vergleiche gibt es umgekehrt aber auch
auf der linken oder liberalen Seite. Der gro?
israelische Philosoph Yeshajahu Leibowitz verpackte
seine Kritik an der israelischen Politik auch in eine
solche Analogie. Er zitierte den Dichter Franz
Grillparzer, der einst vor R?kf?len in die Barbarei
mit den Worten warnte: ?Es f?rt ein Weg von der
Humanit? ?er die Nationalit? in die Bestialit?.?
Leibowitz erg?zte diesen Satz: ?Das deutsche Volk ging
diesen Weg bis zum Ende, und wir haben diesen Weg seit
1967 angetreten.? Die Siedler in den besetzten Gebieten
nannte er ?Nazi-Juden? - wohl die schlimmste
Beleidigung, die ein Jude einem anderen Juden zuf?en
kann.
Ein besonnener Israeli, ein Dr. Shlomo
Schmelzmann, r?kte die NS-Vergleiche zurecht und warnte
1982 anl?slich der israelischen Invasion im Libanon:
?W?rend meiner Kindheit litt ich unter Angst, Hunger
und Erniedrigung, denn mein Weg f?rte mich vom
Warschauer Ghetto nach Buchenwald. Heute h?e ich viele
?nliche T?e. Ich h?e ?dreckige Araber? und erinnere
mich an ?dreckige Juden?. Ich h?e von ?abgeriegelten
Gebieten? und erinnere mich an Ghetto und Lager. Ich
h?e ?zweibeinige Tiere? und erinnere mich an
?Untermenschen?. Zu viele Dinge erinnern mich in Israel
an meine Kindheit.?
Jahrzehnte sp?er best?igte der fr?ere
Knesset-Sprecher Abraham Burg solche S?ze: ?Begriffe
wie Vertreibung, Tod, Aushungern und Verfolgung geh?en
inzwischen zum politischen Dialog [in Israel], und nicht
einmal das Kabinett bildet darin eine Ausnahme.? Auch er
f?rt die st?digen NS-Vergleiche auf die tief sitzende
Angst der Israelis zur?k: ?Die Propaganda sagt uns,
dass uns entweder v?lige Vernichtung oder Erl?ung
erwartet und es nichts dazwischen gibt.? Und: ?Wir
m?sen uns st?dig als ewige Opfer f?len und Opfer
bringen, um uns der Verantwortung f? die Realit? zu
entziehen, mit der wir konfrontiert sind. Kein Wunder,
dass jeder beliebige Feind in unseren Augen zu Hitler
wird und in Israels Halle der Schande eingeht.?
Burg gibt auch eine plausible Erkl?ung
daf? an, warum die Araber bzw. speziell die
Pal?tinenser in israelischer Sicht die ?neuen Nazis?
sind. Hier liegt - so schreibt er - eine einfach
psychologische ?ertagung vor. Das politische Israel
habe den Deutschen viel zu fr? die Verbrechen der Nazis
vergeben und verziehen, nicht zuletzt wegen der
Aussichten auf materielle Wiedergutmachung, und habe
damit den Hass, der eigentlich den Deutschen geb?rte,
von diesen auf die Araber projiziert: ?Aber den Arabern
werden wir nie verzeihen, weil sie angeblich genauso
sind wie die Nazis, schlimmer als die Deutschen. Wir
haben unsere Wut- und Rachegef?le von einem Volk auf
ein anderes verlagert, von einem alten auf einen neuen
Feind, und so erlauben wir uns, behaglich mit den Erben
des deutschen Feindes zu leben - die f? Bequemlichkeit,
Wohlstand und hohe Qualit? stehen - und die
Pal?tinenser als Pr?elknaben zu behandeln, an denen
wir unsere Aggression, Wut und Hysterie auslassen, wovon
wir mehr als genug haben.?
Der amerikanisch-j?ische Historiker
Peter Novick gibt in seinem schon zum Klassiker
gewordenen Buch ?Nach dem Holocaust? eine erg?zende
Erkl?ung, warum die Araber bzw. die Pal?tinenser zu
den ?neuen Nazis? gemacht wurden. Danach hat die F?rung
der amerikanischen Juden im letzten Viertel des
vergangenen Jahrhunderts in Reaktion auf die Wahrnehmung
ver?derter Bed?fnisse (der angeblichen Tatsache, dass
der Holocaust in der Welt nicht mehr angemessen
wahrgenommen, ja vergessen werde und Israel immer mehr
isoliert und nicht mehr hinreichend unterst?zt w?de)
die Entscheidung gef?lt, dem Holocaust einen zentralen
Stellenwert einzur?men, um den ?neuen Antisemitismus?
zu bek?pfen, das umzingelte Israel zu unterst?zen und
ein wiederbelebtes ethnisches Bewusstsein zu begr?den.
Dieses Holocaust-Deutungsmuster - so
Novick weiter - erlaube jede beliebige Kritik an Israel
als irrelevant beiseite zu schieben sogar das Nachdenken
?er die M?lichkeit zu meiden, Recht und Unrecht
k?nten komplex sein. In diesem propagandistischen
Rahmen wurden die Araber im allgemeinen und die
Pal?tinenser im besonderen mit dem Nationalsozialismus
in Verbindung gebracht und ihnen wurde und wird
unterstellt, sie wollten Israel zerst?en und einen
?neuen Holocaust? in Szene setzen. Wie verzerrt und
unwirklich diese Sicht auf die Realit? ist, macht der
Tatbestand deutlich, dass Israels angebliche
Sicherheitsbedrohung gar nicht von feindlichen
arabischen Streitkr?ten herr?rt, sondern umgekehrt von
einer andauernden Milit?herrschaft ?er ein anderes
Volk.
Es wird also nicht so einfach sein, mit
einem Gesetz den D?on NS-Vergangenheit und die sich
darauf beziehenden Anspielungen und Vergleiche zu
verjagen. Vor allem den Pal?tinensern gegen?er wird
man wohl beim gewohnten Feindbild bleiben. Der j?ische
Autor Roger Rosenblatt hat schon fr?er zu solchen
falschen Analogien die Frage gestellt und gewarnt: ?Wie
viel Vergangenheit ist genug?? Er gab die Antwort darauf
mit einer neuen Frage: ?An welchem Punkt h?t die
Hingabe an die Geschichte auf, eine Waffe gegen den
gegenw?tigen und k?ftigen Irrtum zu sein, und wann
beginnt sie, jene zu l?men, die ihren Schutz suchen??