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Das wirkliche
Entwurzeln findet in Hebron statt
von Gideon Levy
Haaretz 11.9.2005
Israel kann so lange nicht als ein Staat betrachtet
werden, der vom Gesetz regiert wird oder der eine
Demokratie ist, solange wie in Hebron die Pogrome
weitergehen. Ein Staat wird nach dem beurteilt, was in
seinem Hinterhof vor sich geht. Und im Falle der "Stadt
der Patriarchen" ist es ein besonders finsterer
Hinterhof. Es geht hier nicht um ein
politisch-diplomatisches Problem, das die Existenz oder
Nicht-Existenz einer speziellen Siedlung betrifft,
sondern eher um das Wesen der herrschenden
Regierungsform in Israel. Dieses Geschwür sollte sofort,
bedingungslos entfernt werden, bevor sich die Bosheit
noch mehr ausbreitet.
Was in Hebron geschieht, ist anders als alles in den
besetzten Gebieten. In Hebron geschehen die schlimmsten
Brutalitäten des Siedlungsunternehmens. Während die
Siedler noch über "ihr Entwurzeln" aus Gush Kativ
lamentieren und die "Ritter der sorgenvollen Tränen"
Versöhnung untereinander und Empathie für ihren Kampf
predigen, geschieht in alarmierender Geschwindigkeit die
Vertreibung der Palästinenser aus Hebron. Mit Leuten -
Kinder des Siedlungsunternehmens - die ihre Nachbarn
derartig behandeln, kann es keine Versöhnung geben.
Jeder, der für die aus dem Gazastreifen evakuierten
Siedler zu Mitleid aufruft, doch zu den Taten der
Siedler
schweigt, zeigt eine verdrehte und scheinheilige Moral.
Aber das brutale Benehmen der Siedler ist noch nicht mal
das Wichtigste, das einen Sturm der Entrüstung auslösen
sollte, es ist das Verhalten des Staates, der sie nicht
stoppt, ja ihnen sogar Beistand gewährt.
Nun redet man über Anarchie in Gaza. In Hebron herrscht
Anarchie vor den böswillig geschlossenen Augen eines
Staates, der einen raffinierten Mechanismus zur
Durchsetzung des Gesetzes hat. Man konzentriert sich
aber jetzt auf die Tragödie der Entwurzelung der Leute
aus Gush Kativ. Doch ist der Akt der Entwurzlung und
Vertreibung in Hebron unvergleichlich grausamer. Die
Zahl der vertriebenen Menschen ist viel größer, und es
bleibt ihnen nichts. Keiner regt sich über ihr Leid auf.
Man will es kaum glauben, dass die Realität in Hebron
vor den Augen der meisten Israelis verborgen bleibt und
Israel nicht bis ins Mark erschüttert. Während der
vergangenen fünf Jahre sind etwa 25.000 Bewohner aus
ihren Häusern vertrieben worden - kaum eine Stunde Fahrt
von Israels Hauptstadt entfernt. Und das tägliche
Schikanieren geht unter der Schirmherrschaft der IDF und
der israelischen Polizei weiter - unbeobachtet von den
Medien. Dieses Schikanieren zielt dahin, die noch
gebliebenen palästinensischen Bewohner aus einem
Stadtteil zu vertreiben, in dem bis vor kurzem eine
Bevölkerung von über 35.000 Palästinenser und 500 Juden
lebten.
Diejenigen, die die Stadt in den letzten Jahren nicht
besucht haben, werden ihren Augen nicht trauen. In dem
Teil unter israelischer Kontrolle - H2 oder nach dem
Hebron-Abkommen israelisches Gebiet - werden sie eine
Geisterstadt entdecken. Hunderte von verlassenen Häusern
wie nach einem Krieg, Dutzende zerstörter Läden,
verbrannt oder geschlossen, ihre Tore von Siedlern
zugeschweißt und eine alles durchdringende Stille. Nach
inoffiziellen Einschätzungen wohnen nur noch 10.000
Menschen hier. Die Übrigen haben ihre Heime und ihren
Besitz verlassen, nachdem sie sich nicht mehr in der
Lage sahen, die Schikanen der Siedler und ihrer Kinder
länger zu ertragen. Das ist die größte "Entwurzelung" in
den letzten Jahren: es ist
wirkliche Vertreibung.
Jeden Tag quälen Siedler ihre Nachbarn hier. Jeder
Schulweg wird für ein palästinensisches Kind ein Weg
voller Schikanen und Angst. Jedes Einkaufen wird für
eine Hausfrau zu einem Weg der Demütigung. Siedlerkinder
treten alte Frauen, die einen Korb auf dem Kopf tragen,
Siedler hetzten Hunde auf alte Leute; Müll und Fäkalien
werden von Siedlerbalkonen in die Höfe palästinensischer
Häuser geworfen, Altmetall blockiert die Eingänge ihrer
Häuser, Steine werden auf jeden palästinensischen
Vorbeigehenden geworfen - dies ist tägliche Routine im
Leben der Stadt. Hunderte von Soldaten, Grenzpolizisten
und Bullen sind Zeugen dieser Aktionen und stehen
tatenlos daneben. Gelegentlich wechseln sie Witze mit
den Chaoten und stehen fast niemals in ihrem Weg.
Versuche der Bewohner, bei der Polizei Klagen
einzureichen, werden regelrecht unter verschiedenen
Vorwänden zurückgewiesen. Selbst wenn es Massenpogrome
mit Hunderten von Siedlern gibt - wie es vor vier
Monaten geschah, als Hunderte von Siedlern die Wohnung
von Dr. Tayser Zahadi in Tel Rumeida stürmten und alles
zerstörten, was ihnen in die Finger kam. Die
Sicherheitskräfte hielten sich im Hintergrund ohne
einzugreifen. Der Überfall wurde auf Video aufgenommen,
aber keiner dachte daran, es im israelischen Fernsehen
zu bringen.
Im Tel Rumeida-Stadtteil, wo nur noch ein Zehntel der
palästinensischen Bewohner bleibt - 50 von 500 - nimmt
diese Realität monströse Proportionen an: die Bewohner
gehen in ihrem Hof nur noch geduckt und dicht an der
Mauer entlang, flüstern nur noch, aus Angst gehört zu
werden. Kinder stürmen wie verrückt nach Hause und
Nachbarn besuchen sich über wacklige Leitern. Es ist ein
beklemmendes Ghettoleben - und alles wegen einer
handvoll Chaoten, die über ihnen leben.
Letzten Endes ist es ihnen gelungen: die Gewalttätigkeit
der Siedler hat sich selbst bewiesen und Hebron ist noch
jüdischer geworden. Um genau zu sein: Hebron ist leerer
geworden. 500 gewalttätige Bewohner haben
demonstriert, dass sie die Macht haben, Zehntausende
ihrer Nachbarn dank der Schirmherrschaft des Staates,
die sich über sie breitet, zu vertreiben. Keiner der
Yesha-Council-Führer hat sich jemals gegen dieses
Phänomen ausgesprochen. Und so ist Yesha zu einem
Partner des Verbrechens geworden.
Der schreckliche Fehler, den Ministerpräsident Rabin
(1994) begangen hat, weil er nicht den Mut hatte, die
Siedlung sofort nach dem Gemetzel (des Dr. Goldstein) in
der Hebroner Moschee aufzulösen, trägt weiter seine
verfaulten Früchte.
Seitdem ist jeder Tag, an dem die Siedlung in Hebron
besteht, eine Schande für den Staat Israel.
(dt. Ellen Rohlfs)
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